Inschrift für Jacob Blumenfeld (November 2002)

Jüdischer Friedhof "An der Strangriede" in Hannover-Nordstadt

©Von Heide Kramer, Hannover

 

Der Nationalökonom und Wirtschaftspublizist Hans Goslar

wurde am 4. November 1889 in Hannover geboren. Bevor seine Eltern 1894 mit ihm nach Berlin übersiedelten, verlebte Hans Goslar seine ersten fünf Lebensjahre in Hannover. In Berlin vollzogen sich sein intellektueller Werdegang und das jüdisch-orthodoxe-kulturelle Leben. Mit der (Weimarer) Koalition der ersten deutschen Republik gelangte Hans Goslar 1919 in das Preußische Innenministerium in Berlin. Dort entwickelte er als "preußischer Pressechef" und höchster publizistischer Beamter die Pressestelle. Der Name Hans Goslar stand im politischen Berliner Journalismus der Weimarer Zeit als konstanter Begriff.

Bleistiftzeichnung "Inschrift für Jacob Blumenfeld"

 ©Heide Kramer, Juli 2004.

  

Die Wurzeln in Hannover

Auf dem zweitältesten hannoverschen jüdischen Friedhof ("An der Strangriede") existieren zwei gut erhaltene Familiengräber aus der Familie Hans Goslars. Es handelt sich um die Grabstätte seines Großvaters Jacob Blumenfeld, der 1878 in Hannover starb. Zum anderen gibt es das ebenfalls gut erhaltene Kindergrab der im Jahre 1871 einjährig gestorbenen Elsa Blumenfeld, der Tante des Hans Goslar. Das zeitgemäße hannoversche Melderegister belegt, dass sein Vater, der Kaufmann Gustav Goslar, seit 1870 in Hannover ansässig war. Gustav Goslar wurde vor seiner Eheschließung unter 11 nachvollziehbaren Adressen beim Einwohnermeldeamt in Hannover registriert.

Das Schicksal der Familie Goslar

1933 emigrierte Hans Goslar mit seiner Ehefrau Ruth, geborene Klee, und der am 12. November 1928 in Berlin geborenen Tochter Hannah Elisabeth in die Niederlande/Amsterdam. Hier begegnete ihnen der Kaufmann Otto Frank aus Frankfurt am Main, der ebenfalls 1933 mit seiner Ehefrau Edith und zwei kleinen Töchtern Margot und Anne aus Deutschland vor den Faschisten geflüchtet war. Hannah Goslar und Anne Frank wurden bald beste Freundinnen. Am 25. Oktober 1940 bekam die Familie Goslar in Amsterdam die zweite Tochter Rachel Gabriele. Ruth Goslar starb am 27. Oktober 1942 während der Geburt des dritten Kindes. Es blieb nicht am Leben. Hans Goslar, seine Schwiegereltern Klee und die Töchter Hannah und Rachel Gabriele erlagen am 20. Juni 1943 einer Großrazzia der Deutschen. Sie gerieten über das Durchgangslager Westerbork (Nordholland) in das deutsche Konzentrationslager Bergen-Belsen. Hans Goslar starb dort am 25. Februar 1945 an den Hunger- und Krankheitsfolgen der KZ-Haft. Am 10. April 1945 wurden die Waisen Hannah und Rachel gemeinsam mit anderen Häftlingen von Bergen-Belsen in Viehwaggons mit dem Ziel Theresienstadt deportiert. Die Kinder überlebten die Todesfahrt nach zehntägiger Odyssee. Die Rote Armee befreite die Menschen am 23. April 1945 bei Tröbitz in Brandenburg. Dieser Zug ist unter der Bezeichnung "Der verlorene Zug" in die Geschichtsschreibung eingegangen. Die Mädchen Goslar gelangten nach der Befreiung durch die Hilfe von Anne Franks Vater Otto (der am 27. Januar 1945 in Auschwitz  durch die Rote Armee befreit wurde) zu Verwandten in die Schweiz. 1947 emigrierte Hannah nach Palästina/Jerusalem. Die kranke Schwester Rachel (Gabi) verblieb zunächst in der Schweiz. Erst 1949 folgte sie ihrer Schwester nach Israel.Frau Hannah Pick-Goslar lebt heute in Jerusalem, ihre Schwester Rachel Mozes-Goslar in Petach Tikva, nahe Jerusalem.

11. November 2002: Hannah Pick-Goslar und Rachel Mozes-Goslar auf Spurensuche in Hannover

Hannah Pick und Rachel Mozes hatten schon mehrfach die Bitte nach einem Hannover-Besuch geäußert. Das Anne-Frank-Zentrum Berlin konnte endlich diesen Wunsch realisieren. So reisten sie mit zwei Begleitpersonen in einem vom Anne-Frank-Zentrum Berlin organisierten Kleinbus nach Hannover. Die offizielle "Spurensuche" mit Blick auf den Vater Hans Goslar wurde in Form eines "Hannover-Programms" durchgeführt. Vorrangig eingeplant war die Begehung des zweitältesten jüdischen Friedhofs „An der Strangriede“ in Hannovers Nordstadt, um den Schwestern die Gräber ihrer Verwandten Jacob und Elsa Blumenfeld zugänglich zu machen. Einem  großen Anliegen konnte auf diese Weise entsprochen werden. 

Textbeitrag: ©Heide Kramer, Hannover, Juli 2007

Siehe auch:

http://www.hagalil.com/archiv/2007/07/goslar.htm

http://www.hagalil.com/archiv/2008/10/troebitz.htm

http://www.hagalil.com/deutschland/nord/hannover.htm

Bleistiftzeichnung "Inschrift für Jacob Blumenfeld": ©Heide Kramer, Juli 2004.

Quellen:

©Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.

©Hans-Bredow-Stiftung, Hamburg.

©Stadtarchiv Hannover. Für die Friedhofsbegehung am 11. November 2002 konnte der Historiker Dr. Peter Schulze vom Stadtarchiv Hannover gewonnen werden..